„Im Licht Gott begegnen.“ – Diese Lichtmystik prägte das künstlerische Schaffen von Erich Schickling (1924-2012), der im Jahre 1974 die Glasfenster für die Stadtpfarrkirche in Rain schuf. Der umfangreiche Auftrag umfasste damals acht großformatige Kirchenfenster mit einer Gesamtfläche von ca. 30 m2. Sie bildeten den Abschluss tiefgreifender Renovierungsarbeiten. Das erneuerte Gotteshaus sollte im Sinne des Zweiten Vatikanischen Konzils gestaltet werden, das neun Jahre vorher mit einer großen Aufbruchstimmung zu Ende gegangen war. Außerdem wollte man der Kirche wieder etwas von der mystischen Atmosphäre zurückgeben, die sie nach ihrer Fertigstellung im Jahre 1480 kennzeichnete. Der Gestaltung der Fenster fiel dabei eine zentrale Rolle zu.

 

Als die Baumeister im 15. Jahrhundert die Kirche errichteten, wollten sie ein Himmlisches Jerusalem auf Erden schaffen. Diese Vision prägte den mittelalterlichen Kirchenbau. Für die Rainer Bürger war dies ein gewaltiges Unternehmen. Doch sie konnten es sich leisten. Durch den blühenden Salzhandel war die Stadt im 15. Jahrhundert wohlhabend geworden. Und diesen Reichtum wollte man selbstbewusst zur Schau stellen. Das neue Gotteshaus stand ganz im Gegensatz zum romanischen Vorgängerbau, der mit seinen meterdicken, wuchtigen Wänden eher einer Festung als einem Sakralbau glich. Die wenigen Fenster waren viel zu klein, um das romanische Gotteshaus auszuleuchten. Die Wirkung der neuen Kirche dürfte dagegen für die Gläubigen überwältigend gewesen. Steil, elegant und weithin sichtbar ragte das neue Gotteshaus in den Himmel. Die Mauern waren von riesigen spitzbogigen Fenstern durchbrochen, die sich dem Besucher wie leuchtende Wände präsentierten. Das Bildprogramm der ersten Glasfenster kennen wir nicht. Wir haben aber die Vorbilder der großen gotischen Kathedralen.

 

Die ersten Fenster waren spätestens 1649 zu Bruch gegangen. Nach einem Blitzschlag war der „Pulverturm“ an der Stadtmauer explodiert. Die Detonation hatte die umliegenden Gebäude zerstört. Auch die Fenster der Stadtpfarrkirche waren davon betroffen. Die neuen Fenster wurden dem Zeitgeist entsprechend aus Weißglas gefertigt. Die damit verbundene Helligkeit gab der Kirche zusammen mit der Barockausstattung ein völlig neues Erscheinungsbild. Auch die weitere Geschichte der Rainer Kirche zeigt, wie sehr das Gotteshaus stets dem herrschenden Zeitgeschmack unterworfen war: In den 1860/80er Jahren erfolgte die neugotische Umformung. Der Wandel im Stilempfinden und die liturgischen Reformen führten schließlich zu Beginn der 1970er Jahre zur letzten tiefgreifenden Neugestaltung des Gotteshauses. Die neugotische Innenausstattung wurde entfernt bzw. verkauft, obwohl das vielen Gläubigen schwer fiel. Das Konzept für die neuen Fenster entwarf Erich Schickling, gemeinsam mit dem damaligen Stadtpfarrer Albrecht Grupp. Der Besucher ist heute beeindruckt von der intensiven Farbgebung. Bei der Farbwahl griff man bewusst auf das Farbspektrum der mittelalterlichen Kathedralen zurück. Als Farbe des Himmels und der Unendlichkeit ist blau die vorherrschende Farbe, rot wurde häufig als Szenenhintergrund gewählt. Eine untergeordnete Rolle spielen die Gelb‑ und Grüntöne. 

 

Beim Betreten der Kirche richtet der Besucher seinen Blick sofort auf die drei Hauptfenster im Chorraum. Hier hat Erich Schickling figürlich und narrativ gearbeitet. Im Wesentlichen sind es auf jedem Fenster drei Motive, die der Künstler unter dem Motto „Wort Gottes“ zusammengefasst hat. Gezeigt werden Szenen aus dem Leben des Kirchenpatrons, des hl. Johannes des Täufers. Doch Erich Schickling gestaltete das Thema wesentlich umfassender. Für das Bildprogramm wählte er Bilder aus dem Leben Jesu, wie z.B. die Geburt, das Abendmahl und die Kreuzigung. Das Zentrum der Komposition bildet das Pfingstereignis. Der Künstler hat hier sehr expressiv gearbeitet. Der ehemalige Rainer Stadtpfarrer, Dr. Florian Kolbinger, hat sich intensiv mit der Interpretation der Schickling-Fenster beschäftigt. Für den Theologen ist das Pfingstfenster der zentrale Schlüssel zum Verständnis des Bildprogramms: Mit der Aussendung des Heiligen Geistes verbreitet sich das Wort Gottes in der ganzen Welt. In diesem Sinne bringt sich Gott in den Worten von Johannes und Jesus zur Sprache. Dieser Gedanke verbindet alle neun Bilder miteinander. Hier wird der starke Einfluss des Zweiten Vatikanischen Konzils offensichtlich, welches dem „Wort Gottes“ ein eigenes Kerndokument gewidmet hatte.

 

Beim Westfenster entschied sich Erich Schickling – wohl mit Blick auf die mittelalterliche Kirchenidee – für die Darstellung des Himmlischen Jerusalems. Das Fenster zeigt die Himmelsstadt von oben in stilisierter Form. Auf den ersten Blick sieht der Betrachter ein gelbes Kreuz in einem roten Kreis. Der Ring symbolisiert die Stadtmauer, die Kreuzbalken die beiden Hauptstraßen, die verdickten Kreuzenden stehen für die zwölf biblischen Stadttore. Erich Schickling griff hier auf eine überlieferte Symbolik zurück: Als vollkommene geometrische Form wurde der Kreis häufig zur Darstellung des Göttlichen verwendet. Die Kombination mit dem Kreuz findet man sogar in der außerchristlichen Kunst als Sinnbild der irdischen und kosmischen Welt.

 

Erich Schickling kannte diese Zusammenhänge. Der Dialog zwischen Kunst und Theologie beschäftigte ihn zeitlebens. Schon während seines Studiums an der Akademie der Bildenden Künste besuchte er Vorlesungen bei Romano Guardini. Später inspirierten ihn die Gespräche mit dem Freund und Theologen Eugen Biser. Die kirchlichen Auftraggeber schätzten dieses tiefe religiöse Verständnis und bedachten den Künstler mit zahlreichen Aufträgen. Gearbeitet hat Erich Schickling zeitlebens auf seiner abgeschiedenen Einsiedelei in einem Waldstück nahe Ottobeuren. Dort hatte sich die Familie nach der Vertreibung aus Oberschlesien im Jahre 1946 niedergelassen. Mit einer unglaublichen Energie gestaltete Erich Schickling einen parkähnlichen Naturgarten, baute Gewächshäuser für exotische Pflanzen und errichtete nach und nach Räumlichkeiten für seine Kunstwerke. Im Jahre 1999 wurde eine Stiftung als „Begegnungsstätte für Kunst und Religion“ ins Leben gerufen.

 

Anlässlich seines zehnten Todestages ist Erich Schickling nun eine Ausstellung im Gempfinger Pfarrhof gewidmet. Gezeigt werden Arbeiten aus den verschiedenen Schaffensperioden. Von einem besonderen regionalen Interesse dürften die farbigen Entwürfe zu den Fenstern der Rainer Stadtpfarrkirche sein. Den Höhepunkt der Schau bilden die Hinterglasbilder, die im Pfarrhaus hängen und für diese Ausstellung zum ersten Mal ausgeliehen wurden. Passend zur Fastenzeit wird im Stadel ein Kreuzweg gezeigt. Die Ausstellungseröffnung findet am Sonntag, den 13. März um 16 Uhr im Pfarrhof statt. Die einführenden Worte spricht die Kunsthistorikerin Dr. Gertrud Roth-Bojadzhiev, die musikalische Umrahmung gestaltet die Pianistin Ulrike Meyer von der Musikhochschule Karlsruhe. Sie kommt nicht nur als Musikerin nach Gempfing. Seit 1999 betreut sie die Erich-Schickling-Stiftung und kümmert sich um den Nachlass sowie das kulturelle Programm der Begegnungsstätte. Die Ausstellung ist an den darauffolgenden Sonntagen (20. März, 27. März, 3. April, 10. April) sowie am Ostermontag jeweils von 14 bis 17 Uhr geöffnet. Am 20. März erklärt G. Roth-Bojadzhiev um 13 Uhr in der Rainer Stadtpfarrkirche die Schickling-Fenster (Anmeldung unter 09090-2545). Zum begleitenden Angebot der Ausstellung gehört auch ein „Bildgespräch“ mit der Theologin Prof. Dr. Lydia Maidl von der LMU München., die anhand der Bilder von Erich Schickling einen neuen Zugang zum bevorstehenden Osterfest entwirft. Die Veranstaltung findet am Palmsonntag um 15 Uhr im Pfarrhof statt.

 

Erich Hofgärtner